Mittwoch, 22. April 2009

Quergelesen: Der Walfisch "Gewalt gegen Frauen"?

Heute habe ich auf der Homepage der renommierten Wochenzeitung "Die Zeit" einen interessanten Artikel der bekannten Feministin Alice Schwarzer gelesen. Nun bin ich nicht gerade ihr Fan, auch wenn ich ihre Arbeit respektiere, und der Artikel ist in seiner Aussage bewusst provokant gehalten. In ihrer zentralen Aussage muss ich ihr aber zustimmen: Vor Gewalt gegen Frauen verschließt unsere Gesellschaft meist die Augen - und das gilt für beide Geschlechter.

Nun, wovon handelt der Kommentar genau? Er handelt vom Amoklauf in Winnenden und der Tatsache, dass die überwiegende Zahl der Opfer weiblich war - eine Tatsache, die laut der Pressesprecherin der Stuttgarter Staatsanwaltschaft "nach [deren] bisherigen Erkenntnissen keine Rolle gespielt" hat.

Was ich an dem Artikel nicht gut finde ist, dass mal wieder viel zu verallgemeinernd auf die Ursachen von Amokläufen eingegangen wird und Schwarzer ihre Aussagen bewusst überspitzt darstellt - ein Beispiel: "Jungen, die aus normalen Familien kommen und keinen Stich bei Mädchen haben, die Pornos konsumieren und Gewaltspiele," "sind gefährdet" gewalttätig gegen Frauen zu werden. Ihre Opfer würden zwar "selten in der Leichenhalle, aber oft genug in Frauenhäusern landen".
Ich muss ganz offen sagen, dass ich es für völlig unangebracht halte, solche heiklen Themen zuzuspitzen. Und ich glaube kaum, dass der Amokläufer von Winnenden die jungen Frauen nur erschossen hat, weil er sich vom weiblichen Geschlecht zurückgewiesen fühlte - da denkt Frau Schwarzer meines Erachtens viel zu einfach.

Ich muss aber auch ehrlich sagen, dass ich denselben Eindruck habe wie sie, was das Wegsehen vor Gewalt gegen Frauen betrifft. Und den Gründen, die sie dafür nennt, stimme ich in den Teilen, in denen ich sie hier zitieren möchte, ebenfalls zu:
[D]ie Zeiten, in denen nur Männer den exklusiven Zugang zum Wissen und zur Welt hatten, sind vorbei. Heutzutage überholen die Mädchen die Jungen in der Schule, und auch Frauen fahren Auto und umsegeln die Weltmeere.
Wie ich durch eine Vorlesung in Allgemeiner Pädagogik weiß, haben einige Jungen Studien zufolge in der Tat Probleme ihre Rolle als Mann in Zeiten der rechtlichen Gleichstellung der Frau zu definieren.
Bleibt die Frage, warum so viele Menschen so entschlossen wegsehen, Männer wie Frauen. Das hat wohl etwas mit Erschrecken zu tun und mit Verdrängung. Männer erschrecken vor sich selbst beziehungsweise der Spezies, zu der sie gehören; Frauen erschrecken vor der (potenziellen) Gewalt von Männern.
Ich glaube, dass Alice Schwarzers Vermutung diesbezüglich zutrifft.
Außerdem heißt es in dem Artikel:
Die Norm ist, dass Männer Frauen ermorden (in 90 Prozent aller Mordfälle zwischen den Geschlechtern). Weibliche Amokläufer sind (bisher) quasi inexistent. Nicht etwa, weil Frauen die besseren Menschen wären. Nein, weil Frustration und Aggression sich bei Frauen traditionell anders Bahn brechen als bei Männern, nämlich weniger nach außen und mehr nach innen, weniger physisch und eher psychisch.
Inwiefern diese "traditionelle" Reaktion nun kulturelle Ursachen in der Erziehung hat oder ob es dafür auch biologische Ursachen gibt, möchte ich mal dahingestellt sein lassen. Aus besagter Vorlesung in Allgemeiner Pädagogik ist mir bekannt, dass die Geschlechterforschung in der Soziologie vor allem Kultur und Erziehung betont.

Aber lest Alice Schwarzers Artikel und bildet euch eine eigene Meinung: http://www.zeit.de/2009/17/oped-Schwarzer?page=1

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