Sonntag, 28. Juni 2009

Aufgefallen: Die Kraft

Heute Nachrichten gesehen. Angela Merkel vor einem überdimensionierten CDU/CSU-Plakat:
Wir haben die Kraft. Regierungsprogramm 2009-2013
Mein erster Gedanke dazu: "Möge die Macht mit Dir sein"? Star Wars, oder was?

Und dann heißt "Die Macht" auf Englisch auch noch "The Force" - was sich auch mit "Kraft" übersetzen lässt... :D

Ich wüsste ja zu gern, welcher Werbetexter sich den Spruch ausgedacht hat. ;)

Mittwoch, 24. Juni 2009

Lessing-Portal

Seit ein paar Tagen gibt es eine Internetseite, die sich mit Leben und Werk des Schriftstellers und Vertreters der Aufklärung Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) beschäftigt. Sie versteht sich als Angebot an alle Literaturwissenschaftler, Lessing-Interessierte und Forscher zur Epoche der Aufklärung. Neben Texten Lessings, wissenschaftlichen Hilfsmitteln und digitalen Editionen seiner sämtlichen Übersetzungen finden sich auf der Seite auch Diskussionsbeiträge und biografische Informationen.

Vielen dürfte Lessing vor allem als Erfinder des Bürgerlichen Trauerspiels ein Begriff sein. Er schaffte die Ständeklausel ab, die vor allem Johann Christoph Gottsched (1700-1766) vertreten hatte. Nach ihr sollten in einer Tragödie nur Adelige dargestellt werden. Hintergrund ist die sogenannte "tragische Fallhöhe", wonach das Scheitern bzw. der Untergang einer hochgestellten, "edlen" Persönlichkeit beim Theaterbesucher ungleich größere Wirkung erzeuget als der weniger tiefe Fall eines Menschen aus dem Volk. Lessing lehnte diese Sichtweise ab und stellte in seinen Trauerspielen Scheitern bzw. Untergang von Personen aus dem Bürgertum dar. (Einen Schritt weiter ging dann Georg Büchner (1813-1837), der in seinem Dramenfragment "Woyzeck" das Scheitern von Personen des 4. Standes - also des "Proletariats" - darstellte.)

Von großer Bedeutung ist vor allem Lessings Ideendrama (bzw. "dramatisches Gedicht", wie Lessing es selbst nannte) "Nathan der Weise", in dessen Zentrum die "Ringparabel" steht. Diese stellt die drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam als gleichberechtigt dar.
Hintergrund ist der Fragmentenstreit, eine theologische Diskussion zwischen Lessing als Repräsentant der Aufklärung und dem Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze (1717-1786) als Repräsentant der orthodoxen lutherischen Theologie. Im Zuge dieses Streits erschienen auch die ersten 53 Paragraphen von Lessings religionsphilosophischem Hauptwerk "Die Erziehung des Menschengeschlechts".
Der Fragmentenstreit führte sogar zu einem Publikationsverbot Lessings auf dem Gebiet der Theologie, das dieser umging, indem er die Diskussion in Form eines im Blankvers (5-hebiger Jambus, ungereimt) verfassten Dramas - "Nathan" - fortsetzte.

Aber nun genug der Vorrede - hier ist der Link zum Lessing-Portal:

Montag, 22. Juni 2009

Bibliotheca Palatina - digital

Seit heute sind sie öffentlich zugänglich im Internet: die 848 Schriften des Heidelberger Codex Palatini Germanici aus dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit!

Der Codex Palatini ist die weltweit einzige geschlossene fürstliche Sammlung, die während der vergangenen 400 Jahre nicht verändert wurde. Seine Handschriften reichen bis ins Jahr 1386 zurück, dem Gründungsjahr der Heidelberger Universität. Zu ihnen zählen so berühmte Werke wie die "Große Heidelberger Liederhandschrift", besser bekannt als Codex Manesse, mit zahlreichen mittelalterlichen Liedern.

Der Link:

Niedliches Schwert?

Heute lief ich in der CD-Abteilung eines Kaufhauses an "The Miskolc Experience" von Therion vorbei.

Therion ist eine Metal-Band, die wie Epica zwei CDs und - leider im Gegensatz zu Epica - auch eine DVD bei einem Konzert im ungarischen Miskolc aufgenommen haben. Ebenfalls wie Epica wurden Therion dabei von einem "echten" Orchester unterstützt und haben neben ihrer "normalen" Setlist auch klassische Stücke gespielt.

Da Therion-Mastermind Christofer Johnsson ein großer Bewunderer der Opern von Richard Wagner ist, haben Therion auch vier Auszüge aus Wagner-Opern gespielt: drei aus dem eher unbekannten "Rienzi", einen aus "Der Ring der Nibelungen".

Auf der Rückseite der DVD/2CD "The Miskolc Experience" ist bei "Part 1 - Classical Adventures" als 9. Stück zu lesen:
Wagner: "Notung! Notung! Niedliches Schwert" from The Ring
Niedliches Schwert! Ich weiß ja nicht, ob Fafnir (der Drache, den Siegfried dem Nibelungenlied nach erschlagen hat) Siegfrieds Schwert auch so "niedlich" fand...

Ein Auszug aus dem richtigen Text ("Der Ring der Nibelungen, Teil 3: Siegfried":
Notung! Notung! Neidliches Schwert!
Was mußtest du zerspringen?
- 1. Aufzug, 3. Szene, 3. Teil: Siegfried schmiedet Notung neu
Nachzulesen auf:

Sonntag, 21. Juni 2009

100. Geburtstag von Errol Flynn

Da habe ich doch glatt seinen Ehrentag versäumt. Gestern war der 100. Geburtstag des großen Hollywoodschauspielers Errol Flynn!


Errol Flynn wurde am 20. Juni 1909 in Tasmanien geboren. Er war ein schlechter Schüler und musste mehrfach die Schule wechseln. Nach einem abenteuerlichen Leben u. a. als Goldgräber wurde er für einen Dokumentarfilm über Neuguineas Kopfgeldjäger angeheuert.

In London nahm er 1932 Schauspielunterricht und reiste einige Jahre später nach Hollywood. Der charismatische, gut aussehende und sportlichen Flynn spielte - Überraschung! - vor allem in Abenteuer- und Piratenfilmen. Bekannt wurde er insbesondere durch die Hauptrolle in "Captain Blood" ("Unter Piratenflagge", 1935) an der Seite der damals ebenfalls noch unbekannten Olivia de Havilland. Die beiden avancierten in den Folgejahren zu Hollywoods Traumpaar und drehten zahlreiche weitere gemeinsame Filme. Unter diesen ist auch "The Adventures of Robin Hood" ("Robin Hood, König der Vagabunden", 1938), für mich eine der besten Verfilmungen des Stoffs.

Flynn war dreimal verheiratet, hatte vier Kinder und zahlreiche Frauengeschichten. Maßlos konsumierte er Alkohol und Drogen. "Ich mag meinen Whiskey alt und meine Frauen jung", soll er gesagt haben. Im Zweiten Weltkrieg wollte er an der Seite der USA kämpfen, wurde jedoch von der Army abgelehnt, da er an Tuberkulose und Malaria litt.

Seine Zeit bei Warner Bros. endete 1953, da Flynn die Abenteuerrollen satt war. Er verfolgte ein ambitioniertes Projekt für eine Wilhelm Tell-Verfilmung, das jedoch scheiterte. Flynn verlor fast sein gesamtes Vermögen - auch, da er dieses zwielichtigen Managern anvertraut hatte - und musste wegen einer Millionenforderung der US-Steuerbehörde aus den USA fliehen. In England drehte er einige Filme und eine Fernsehserie, bis er 1956 in die USA zurückkehren konnte. Nach Auftritten in zweitklassigen Fernsehshows spielte er in einigen Filmen einen Trinker - und damit wieder einmal sich selbst.

Am 14. Oktober 1959 starb Errol Flynn an einem Herzanfall.

(Sein Enkel ist übrigens der 1989 geborene Teenie-Star Sean Flynn, falls jemandem der Name was sagt.)

Homepage:

Sommersonnenwende

Wollte nur mal darauf hinweisen: Heute ist Sommersonnenwende bzw. sie war um 7:45 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit (MESZ).

Aus astronomischer Sicht ist heute Sommeranfang. Die Sonne hat am 21. Juni den größten nördlichen Abstand vom Himmelsäquator, steht also senkrecht über dem nördlichen Wendekreis (auf 23,4° nördlicher Breite).

Aus religiöser Sicht - besonders in den baltischen, germanischen, keltischen, nordischen und slawischen Religionen - fanden an der Sommersonnenwende Sonnwendfeste statt.

Freitag, 19. Juni 2009

Handy-Nutzen

Ich gehöre ja eigentlich zu den Zeitgenossen, die Handys zum Telefonieren bzw. SMS-Schreiben gar nicht bräuchten. So viele Leute rufen mich nicht an, und wenn doch, gibt es immer noch meinen Festnetzanschluss. Mein Handy ist sowieso die meiste Zeit ausgeschaltet.
Trotzdem trage ich es oft mit mir herum.
Warum? Weil ich mein Handy dann doch nutze - hauptsächlich auf vier verschiedene Arten:
  1. und mit großem Abstand vor allen anderen Nutzungsmöglichkeiten: Als superpraktischen Wecker!
  2. Als digitales Adressbuch für Urlaubskarten. Vorbei sind die Zeiten, da ich immer ein analoges Adressbuch mit mir herumschleppen musste. Und da ich mein Handy in der Regel mitnehme, wenn ich wegfahre - wie gesagt, es ist ein äußerst praktischer Wecker -, laufe ich auch nicht mehr Gefahr das Adressbuch zu vergessen.
  3. Tatsächlich zum Telefonieren - wenn ich unterwegs bin und jemanden brauche, der mich z.B. vom Bahnhof abholen kann.
  4. Als Terminkalender. Da bevorzuge ich in der Regel aber eher eine analoge Terminkalender-Version bzw. nutze die Weckfunktion.
Apropos Terminkalender: Seit Anfang Juni ist der bpb-Timer (der Schülerkalender der Bundeszentrale für politische Bildungsarbeit) erhältlich! Ich habe mein Exemplar schon und bin mal wieder sehr zufrieden. Auch darüber, dass ich eine Hardcover-Version ergattern konnte, weil die meist schnell ausverkauft ist.

Donnerstag, 18. Juni 2009

Edenbridge - LiveEarthDream

Die Live-CD "LiveEarthDream" ist wirklich toll! ♥ Sie läuft bei mir seit Tagen in Dauerrotation.


Positiv:
  • Die Songauswahl ist prima: fast alles Lieblingssongs! Zwar wurden die ersten drei CDs "Sunrise in Eden", "Arcana" und "Aphelion" nicht berücksichtigt, was etwas schade ist. Da die Songs dieser CDs aber schon auf der ersten Live-CD "A Livetime in Eden" vertreten waren, wollte die Band wohl Überschneidungen vermeiden.
  • Die Songs kommen noch eine Spur härter rüber als auf den Studioalben.
  • Die Tonqualität ist super!
  • Insbesondere beim Refrain von "Shadowplay" hört man die Gitarren sehr deutlich. Man könnte es wohl auch als Manko sehen, dass sie recht laut sind, aber mir gefällt es sehr.

Negativ:
  • Das Publikum könnte man ruhig etwas lauter hören.
  • Es gab kaum Veränderungen an den Songs. Für mich sind veränderte Live-Versionen, Medleys oder Ähnliches immer ein besonderes Highlight auf Live-Alben.


[Von links nach rechts: Max Pointner (Drums), Lanvall (Guitar), Sabine Edelsbacher (Vocals), Dominik Sebastian (Guitar). Autogramme bekamen übrigens alle, die die CD vorbestellt hatten.]


Tracks:
  1. The Force Within (Intro) [a]
  2. Shadowplay [a]
  3. Remember Me [a]
  4. Undying Devotion [a]
  5. Wild Chase [b]
  6. Shine [b; mein ewiges Lieblingslied]
  7. Evermore [c]
  8. For Your Eyes Only [c; Cover des Bond-Titelsongs von Sheena Easton - für mich der beste. Ich liebe das Lied, in der Original- wie in der Coverversion!]
  9. Terra Nova [c]
  10. Move Along Home [b]
  11. Centennial Legend [b; auch ein Song, bei dem ich immer ins Schwärmen gerate]
  12. Paramount [a]
  13. Fallen From Grace [a]
  14. MyEarthDream [a]

[a] von der sechsten und aktuellsten CD "MyEarthDream", die mir sehr gut gefällt
[b] von meiner Lieblings-CD "Shine", der vierten von Edenbridge
[c] von "The Grand Design", der fünften CD, die ich am wenigsten mag - aber Evermore und besonders Terra Nova sind gut


Anspieltipp: Shadowplay

Der Soziologe Ralf Dahrendorf ist tot

Der am 1. Mai 1929 in Hamburg geborene Soziologe Ralf Dahrendorf ist gestern Abend in Köln an Krebs gestorben. Dies teilte das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung mit, wo Dahrendorf seit 2005 eine Forschungsprofessur für soziale und politische Theorie innehatte.

Dahrendorf war ein bedeutender Vertreter der liberalen Gesellschafts- und Staatsidee. Er entwickelte eine eigene Theorie sozialen Wandels und setzte sich mit sozialen Konflikten auseinander. Bereits mit 29 Jahren wurde er habilitiert und war in der Folgezeit Professor in Hamburg, Tübingen und Konstanz. Zeitweise saß er für die FDP im Bundestag. Er leitete die London School of Economics and Political Science und war Rektor des Saint Anthony's College in Oxford. 1988 nahm er die britische Staatsbürgerschaft an und wurde 1993 Mitglied des britischen Oberhauses.

Montag, 15. Juni 2009

Speyer und Worms

Ich war die letzten paar Tage in Speyer und Worms. War sehr schön! Döme, alte Synagogen und Mikwen (Mikwe = jüdisches Ritualbad), das Altpörtel in Speyer (sehr schöne Aussicht), der älteste Judenfriedhof Europas in Worms, ein Museum mit Wikinger-Sonderausstellung in Speyer... und natürlich der Rhein!

Jetzt habe ich zwar erst mal viel für die Uni zu tun, aber es hat sich auf jeden Fall gelohnt! :-)

Mittwoch, 10. Juni 2009

Europawahlen

Mit einiger Verspätung (wegen Referaten und Tests) möchte ich heute noch ein paar Worte zum Thema Europawahl schreiben.

Noch einmal die deutschen Ergebnisse der Europawahl vom 7. Juni 2009:

Wahlbeteiligung: 43,3% (2004: 43,0%)
CDU/CSU: 37,9% (44,5%)
SPD: 20,8% (21,5%)
Grüne: 12,1% (11,9%)
FDP: 11,0% (6,1%)
Die Linke (ehem. PDS): 7,5% (6,1%)


Mein Kommentar:

CDU/CSU erleiden die stärksten Verluste, freuen sich aber dennoch darüber stärkste Kraft geworden zu sein... Kunststück, wenn die Bundes-SPD der Bayern-SPD nacheifert und ein schlechtestes Ergebnis der bundesdeutschen Geschichte noch mal unterbietet.
Grüne und FDP haben (mal wieder) Grund zur Freude: Die Grünen verbessern ihr gutes Ergebnis von 2004 noch einmal und werden drittstärkste Kraft. Die FDP hat mit einem guten Prozent Unterschied ebenfalls ein sehr gutes Ergebnis erzielt - und sie ist die Partei mit den größten Stimmenzuwächsen.


Die bayerischen Ergebnisse 2009:

Wahlbeteiligung: 42,4% (2004: 39,7%)
CSU: 48,1% (2004: 57,4%)
SPD: 12,9% (15,3%)
Grüne: 10,9% (11,7%)
FDP: 9,0% (4,2%)
Die Linke: 2,3% (0,9%)
Freie Wähler: 6,7% (-)


Mein Kommentar:

Die CSU durfte aufatmen: Sie hat die bundesweite 5%-Hürde übersprungen und es ins Europaparlament geschafft.
Die Freien Wähler zwar nicht, aber 6,7% sind für eine Partei (ja, für mich sind sie durch ihre Teilnahme bei Landtags- und Europawahlen endgültig eine Partei geworden), die zum ersten Mal bei Europawahlen angetreten ist, beachtlich.
Für die Grünen und die FDP gilt dasselbe wie auf Bundesebene. Die FDP hat ihre Stimmenanteile in Bayern sogar mehr als verdoppelt.
Ich gehe davon aus, dass eine erkleckliche Anzahl von Stimmen für FDP und Freie Wähler von ehemaligen CSU-Wählern kommen - aber ich glaube nicht, dass die CSU sie wieder alle zurückholen kann. Den Anspruch "50% plus x" kann sie wohl aufgeben.

Die Bayern-SPD muss fürchten demnächst von den Grünen eingeholt oder sogar überholt zu werden... In den bayerischen Regierungsbezirken Oberbayern (SPD 12,1% und Grüne 14,9%) und Schwaben (SPD 10,1% und Grüne 10,5%) ist das bereits geschehen (Quelle: http://www.europawahl2009.bayern.de).
In Oberbayern und Schwaben ist die SPD längst keine Volkspartei mehr - das muss man leider so feststellen. (Ich bin mal so großzügig und zähle eine Partei, die um die 20% bekommt, noch als Volkspartei. Sonst müsste ich grundsätzlich sagen, dass die Bayern-SPD keine Volkspartei ist...)
Wenn ich daran denke, dass ich hier von der Partei eines Otto Wels schreibe, der einzigen Partei, die im Reichstag 1933 mutig gegen das Ermächtigungsgesetz der Nationalsozialisten gestimmt hat, finde ich das schon erschreckend. Ich bin nun wahrlich keine Anhängerin der SPD, aber als jemand, der stark historisch denkt, kann ich das nur bedauern.


Die Wahlbeteiligung war wie gewohnt erschreckend niedrig... So vieles wird in Europa entschieden, da sollte es einem nicht egal sein, wer dort Mehrheiten bekommt. Ist ein Allgemeinplatz, ja, aber deshalb nicht weniger wahr.

Freitag, 5. Juni 2009

Schlagfertiger Bischof von Galen

Zufällig habe ich im Internet folgenden Witz entdeckt:

In Münster wirkte der ungemein tapfere Bekennerbischof und spätere Kardinal Graf Galen. Im alljährlichen Silvestergottesdienst hielt er vor einer riesigen Gemeinde eine Art Rechenschaftsbericht ab, in dem er die kirchenfeindlichen Attacken und andere Sünden des Nazi-Regimes in drastischer Offenheit zu geißeln pflegte. Natürlich fand sich unter den Versammelten jeweils auch eine erkleckliche Zahl von Parteifunktionären in Zivil, die der Bischof in keine geringe Wut zu versetzen pflegte. Als er einmal davon sprach, wie die Partei den Eltern ihre Kinder wegnehme, sie aufhetze und ihre Ideologien in sie hineinpumpe, hielt es einer jener Funktionäre nicht mehr aus. Er brüllte durch das Kirchenschiff: "Wie kann jemand, der keine Familie hat, es überhaupt wagen, über Kindererziehung zu sprechen!" Der Bischof replizierte prompt: "Ich verbitte mir abfällige Bemerkungen über den Führer."

(aus: Helmut Thielicke, Das Lachen der Heiligen und Narren. Nachdenkliches über Witz und Humor, Freiburg 1986.)

Clemens August Graf von Galen (1878-1946) ist eine der herausgehobenen Personen des Widerstands gegen das NS-Regime, die ich sehr bewundere. Ob diese spezielle Anekdote über seine Schlagfertigkeit wahr ist, weiß ich leider nicht, aber sie klingt durchaus wahrscheinlich.

Mittwoch, 3. Juni 2009

Frontalunterricht und obrigkeitsstaatliches Denken

Für einen meiner Kurse an der Universität musste ich neulich einen Auszug aus dem Buch "Unterrichtsmethoden" von Hilbert Meyer zum Thema Frontalunterricht lesen. Darin stellt Meyer die These auf: "Frontalunterricht erzieht zum obrigkeitsstaatlichen Denken und Fühlen."

Denn: Der Lehrer hat gegenüber "seinen" Schülern sehr viel Macht und kann die Richtung des Unterrichts bestimmen. Er kann Sach-, Sinn und Problemzusammenhänge aus seiner Sicht darstellen und dominiert eine Unterrichtsstunde auch von den Redeanteilen her: Die des Lehrers sind regelmäßig höher als die aller Schüler zusammen. Um gute Zensuren zu erhalten, müssen sich die Schüler dem notgedrungen anpassen. Die meiste Zeit über müssen sie still sitzen und passiv einen Lehrervortrag aufnehmen. Sie werden dadurch zur Wahrung von Ruhe, Ordnung und Disziplin angeleitet, lernen jedoch kein selbstdiszipliniertes Verhalten: Sobald der Lehrer wegschaut, fangen die Schüler an zu tuscheln...
Die Inhalte des Frontalunterrichts mögen noch so fortschrittlich oder gar revolutionär sein - er ist seiner Struktur nach konservativ.

Dies lässt sich bei einem Blick in die Geschichte näher ausführen: Frontalunterricht hatte historisch betrachtet sowohl eine progressive als auch eine restaurative Bedeutung. Eine progressive, weil er die Bildung der Massen durch die Einführung der Allgemeinen Schulpflicht erst ermöglichte - ohne Frontalunterricht wäre sie weder zu organisieren noch zu finanzieren gewesen. Eine restaurative, weil er politische Indoktrination erleichtert - so sollten Lehrer zur Zeit des Wilhelminismus (1890-1918) zwar einerseits Fachkompetenzen, aber andererseits auch 1. Treue zu Gott, König und Vaterland vermitteln, 2. verhindern, dass zu viele Schüler studieren wollen, und 3. verhindern, dass die Schüler den "Irrlehren" der Sozialdemokratie verfielen.

Aber: Frontalunterricht ist dennoch die häufigste aller vier Sozialformen (die anderen drei sind Gruppenunterricht, Projektarbeit und Programmierter Unterricht) mit einem Anteil von über 75% aller Unterrichtsstunden. Er wird benötigt, wenn eine eigenständige Erarbeitung eines Sachzusammenhangs durch die Schüler entweder zu zeitaufwändig oder zu fehleranfällig wäre (der Lehrer muss ja einen Lehrplan erfüllen und auf das Erreichen von Bildungszielen hinarbeiten), und um Ergebnisse aus Gruppen-, Partner- oder Einzelarbeit zu präsentieren. Darüber hinaus ist eine vergleichende mündliche Leistungsbeurteilung ohne Frontalunterricht so gut wie unmöglich.

Als ich das alles (und noch einiges mehr, das in diesem Buch zum Thema Frontalunterricht steht) las, musste ich ehrlich gesagt unwillkürlich an Schäubles Interessen in der Sicherheitspolitik denken.
Ob die Denkweise "Wer nichts zu verbergen hat, hat ja [durch Fingerabdruckspeicherung, Weitergabe von Fluggastdaten an die USA, Videoüberwachung etc.] nichts zu befürchten" wohl durch Frontalunterricht gefördert wurde? ...