Ken

Dies ist meine Hauptgeschichte, mein Augenstern sozusagen. Ich habe sie schon im Kopf, seit ich etwa zwölf bin, fand aber bisher den richtigen Anfang nicht. Bis heute habe ich noch nicht einmal einen richtigen Titel für sie gefunden, sodass ich sie nur „die Ken-Geschichte“ nenne. Außerdem hat sie sich im Laufe der Jahre stark verändert, sodass es vielleicht sogar gut ist, dass ich erst jetzt richtig angefangen habe…
Wer sich dafür interessiert, wie ich auf diese Geschichte gekommen bin, findet dazu unter „Schreiben“ einige Informationen.


Inhalt:

Manuel Richter liegt tot in seinem Schlafzimmer. Sind die Gerüchte, die es seit Jahren um ihn gegeben hat, am Ende doch wahr?
Ken von Sternenthal jedenfalls ist alles andere als begeistert davon, dass er sich mit Richters Tod beschäftigen muss – bedeutet es doch, dass er seinem Cousin nicht länger aus dem Weg gehen kann: Johannes mit den beunruhigenden Augen, der keine Gelegenheit ungenutzt lässt seine Überlegenheit vor Ken zu demonstrieren.
Je mehr er sich mit Richters Tod befasst, desto verwirrender stellen sich Ken die Ereignisse dar. Und auch in seiner eigenen, scheinbar heilen Vergangenheit zeigen sich mehr und mehr Risse…


Das eigentliche Thema:

Ken sieht zwar, dass es auf der Welt viel Schlechtes gibt, doch er möchte unbedingt an das Gute glauben. Er möchte daran glauben, dass die Welt gut ist. Doch das ist sie nicht.
Es ist sehr schwer für Ken sich das bewusst einzugestehen, auch wenn er es insgeheim schon immer gewusst hat. Dennoch ist er nicht bereit seine Überzeugungen aufzugeben.
So bleibt ihm letztlich die Erkenntnis, dass es Menschen und Ideale gibt, für die es sich zu kämpfen lohnt – trotz allem, trotz der Gefühllosigkeit einer gedankenlosen Welt. Mehr noch, die Welt bleibt für ihn schön, obwohl ihre Grausamkeit sich ihm klarer zeigt als jemals zuvor.


Leseprobe (aus dem ersten Kapitel):

Ken stand vor dem großen Fenster des Hauptgebäudes im zweiten Stock, das zum Büro seines Freundes Felix gehörte. Von dort aus ließ er seinen Blick zu den flachen Hügeln schweifen, die Haal an der Ostseite umgaben. Die untergehende Sonne färbte den Horizont blutrot und tauchte die Hügel in lange Schatten. So verlieh sie der Szenerie etwas Düsteres und Unwirkliches, das gut zu Kens Stimmung passte.
Er wandte sich um und begann im Raum mit langen, schnellen Schritten auf und ab zu laufen, während er ungeduldig wartete, bis Felix seine Arbeit beendet hatte, damit er ihm vom Ereignis des Tages erzählen konnte. Felix Feuerberg war zwar sonst zu allen Schandtaten bereit, doch wenn er sich mit einem technischen Gerät beschäftigte, ließ er sich durch nichts stören. So musste Ken wohl oder übel dabei zusehen, wie Felix ungerührt mit allen zehn Fingern die Tastatur seines Computers bearbeitete. Monoton erfüllte ein leises Tippgeräusch den Raum.
Schließlich verklang es, und Felix sah Ken an. „Was war denn so wichtig, dass du sogar bis nach Feierabend in meinem Büro gewartet hast, um es mir zu erzählen“, fragte er.
„Wenn du dich so verhalten hättest, wie es alle anderen Menschen außer dir getan hätten, wüsstest du das jetzt schon“, konnte sich Ken nicht verkneifen zu kontern.
Felix antwortete nicht. Er blickte Ken nur mit Unschuldsmiene aus großen Augen an. Sie waren von einem ungewöhnlich dunklen Blau, das gut zu seinen hellen, blonden Haaren passte, die sich um Gesicht und Hals schmiegten, aber auch in Fransen davon abstanden. Er trug Jeans, ein zerknittertes Hemd und abgetragene braune Schuhe. Wer ihn zum ersten Mal sah, dachte unwillkürlich, er habe einen allein lebenden Junggesellen vor sich, als seien Felix die beiden Wörter „alleinstehender Junggeselle“ auf die Stirn tätowiert. Zwar trog der Schein in diesem Fall nicht, doch Felix erweckte den Eindruck absichtlich. Wenn man ihn darauf ansprach, wies er jeden, der es hören wollte – und auch alle, die es nicht hören wollten – in spöttischem Tonfall darauf hin, er wolle nur verhindern, als genauso ein Spießer wie Ken angesehen zu werden.
Dieser hatte seinerseits eine andere, eigene Vermutung: Nonchalance kam ganz einfach bei den Frauen besser an und brachte Felix’ ohnehin gutes Aussehen gekonnter zur Geltung.
Wenn man ihn gut kannte, merkte man rasch, dass er zumindest ein kleines bisschen eingebildet war.
„Heute hat mich Sam Goldstein zu sich in sein Büro zitiert“, begann Ken.
Felix, nun doch interessiert, hob eine Braue.
Samuel Goldstein war Landeschef der AVE und damit ihrer beider direkter Vorgesetzter. Er war erst seit einigen Jahren im Amt und mit dreißig relativ jung dafür, doch bisher war er vor allem dadurch aufgefallen, dass er sich noch keinen Fehler geleistet hatte. Mit seinem Amtsantritt hatte es einige Veränderungen in der Führungsetage gegeben, die sich nicht allein personell geäußert hatten: Die allgemeine Ansicht war, dass Sam, wie ihn bald die ganze AVE insgeheim nannte, sich wesentlich kollegialer verhielt als seine Vorgänger und auch andere Methoden als seine eigenen gelten ließ – vermutlich einer der Gründe für seine fehlerfreie Arbeit. Er kommandierte niemanden grundlos herum und blieb lieber im Hintergrund, dabei jedoch stets gegenwärtig.
Felix war bis zu diesem Tag erst einmal zu ihm gerufen worden, nämlich um seine Beförderung zum Leiter der für die Technik zuständigen Abteilung zu erhalten.
„Er hat zuerst ein wenig um den heißen Brei herumgeredet und sich nach dem Stand der Ermittlungen in Sachen Wirtschaftskriminalität erkundigt, aber als ich ihm nichts Wesentliches berichten konnte, kam er schnell auf den Punkt“, fuhr Ken fort.
„Auf den Punkt kommen solltest du jetzt auch“, rief Felix ungeduldig und griff dabei die Wendung seines Freundes erneut auf. „Mach es doch nicht gar so spannend!“
„Kurzum, er will, dass meine Schwester und ich eine Zeugin bei uns aufnehmen, die uns, wie er sich ausdrückte, unter Umständen wichtige Hinweise in dieser Angelegenheit geben könnte.“
„Aber darum kümmern sich doch normalerweise andere“, sagte Felix irritiert. „Wenn es gar nicht anders geht, kommt sie in ein Zeugenschutzprogramm.“
„Scheinbar geht es gar nicht darum, sie vor irgendjemandem oder irgendetwas zu schützen, aber warum er es unbedingt so handhaben will, wollte er mir nicht sagen. Sam meinte, dass ich es irgendwann erfahren würde, aber jetzt doch bitte nicht weiterfragen, sondern einfach seinem Wunsch nachkommen solle.“ Mit einem Seufzer fügte Ken hinzu: „Das stellt er sich so einfach vor. Wie soll ich das nur meiner Schwester erklären?“ Er hob in einer Geste der Ratlosigkeit die Arme an.
„Du schaffst das schon“, entgegnete Felix mit leicht schadenfrohem Lächeln. „Jana wird sich wohl zuerst darüber aufregen, eine wildfremde Frau in euerem Haus wohnen zu lassen, aber sie wird es dann schon verstehen.“
„Verstehen? Ich verstehe es ja selbst nicht! Was ich dich eigentlich fragen wollte, ist, ob dir diese Geschichte nicht auch so merkwürdig vorkommt wie mir.“
„Mysteriös ist es auf jeden Fall“, überlegte Felix mit angedeutetem Stirnrunzeln. „Aber wer weiß, vielleicht klärt sich ja schon bald alles auf. Ich würde mir nicht allzu viele Gedanken machen, jedenfalls nicht schon jetzt.“
Diese Antwort gefiel Ken gar nicht. „Der Spruch, man solle sich nicht so viele Gedanken machen, denn man könne ja doch nichts tun, klingt mir viel zu abgedroschen“, sagte er. „Aber wahrscheinlich hast du leider Recht.“
„Was machst du jetzt noch“, wollte Felix, der das Thema als abgeschlossen betrachtete, wissen. Er hatte den Computer inzwischen abgeschaltet und war dabei, seine ausgebleichte Jeansjacke mit dem „Peace“-Button am Aufschlag überzustreifen.
„Ich hatte vor, noch zu Sternchen zu gehen.“ Sternchen war ihrer beider Freundin, die ebenfalls bei der AVE beschäftigt war. „Es ist ja erst halb sieben Uhr, obwohl man es kaum glauben kann.“ Mit einem Blick aus dem Fenster vergewisserte Ken sich, dass der Sonnenuntergang schon vorbei war, auch wenn es im Zimmer noch relativ hell war. „Jetzt im März geht die Sonne immer noch ziemlich früh unter.“
„Immerhin scheint sie schon wieder zwölf Stunden am Tag, während sie an der Wintersonnenwende nur acht Stunden lang zu sehen ist“, brachte Felix seine umfassenden naturwissenschaftlichen Kenntnisse in das Gespräch ein. „Außerdem werden die Tage bald wieder länger.“
„Und du, was machst du heute noch“, erkundigte sich Ken, der keine Lust dazu hatte, seine Allgemeinbildung zu erweitern. „Kommst du mit?“
„Kann ich nicht“, antwortete Felix und fügte schmunzelnd hinzu: „Ich habe noch einen Termin bei der Stadtverwaltung.“
„Ach was“, machte Ken. „Viel Spaß!“
Er wusste, dass die „Stadtverwaltung“ groß, schlank, brünett und ziemlich hübsch war. Vor einigen Tagen hatte sie Felix’ Ausweis verlängert und war dabei offensichtlich auf seinen Anmachversuch hereingefallen.
Zusammen mit Sternchen hatte Ken sich schon überlegt, Wetten darauf abzuschließen, wie lange die nächste Beziehung ihres gemeinsamen Freundes halten würde, aber dann waren die beiden doch davon abgekommen. So sehr interessierten sie sich nun auch wieder nicht für Felix’ Liebesleben.
„Kommst du“, fragte Felix. „Ich möchte gerne hier abschließen.“ An der Tür stehend, klimperte er mit seinem Schlüsselbund.
„Hetz mich nicht! Ich bin ja schon da“, rief Ken. „Dann bis morgen; ich muss noch meine Jacke aus dem Büro holen!“
Gewissenhaft schob Felix seine Chipkarte in das Gerät, das die Arbeitszeit, die die AVE-Mitarbeiter an ihren Schreibtischen verbrachten, kontrollierte.
Es ist schon unglaublich, wie jemand mit Technik so verantwortungsvoll umgehen kann und mit Menschen, besonders weiblichen, so verantwortungslos, dachte sich Ken, der ihn dabei beobachtete.
Felix steckte wirklich voller Gegensätze.
Plötzlich drehte er sich noch einmal zu Ken um. „Ist dir eigentlich aufgefallen, dass wir uns gar nicht gekabbelt haben“, wunderte er sich lachend. „Den Tag sollte man rot im Kalender anstreichen!“
Mit diesen Worten verschwand er um eine Ecke.
Seltsam, dachte Ken, wir haben tatsächlich vergessen uns zu streiten. Dabei hätte Felix ihm vorwerfen können, dass er nur deshalb noch zu Sternchen ginge, um Jana nicht so schnell von der Geschichte mit Sam erzählen zu müssen. Und auch Felix hatte Ken mit seiner „Stadtverwaltung“ eine Steilvorlage geliefert, die dieser nicht genutzt hatte.
Inzwischen betrachteten es beide als eine Art Sport, sich möglichst schlagfertig anzugiften, woran sich ihre Freunde und Bekannten längst gewöhnt hatten. Doch wenn es darauf ankam, konnten sie sich gegenseitig schonungslos Wahrheiten sagen, ohne einander zu kränken.
Sie gingen eben etwas direkter miteinander um, und bislang war diese Offenheit für beide nur von Vorteil gewesen.

Erklärung:
Die Frage nach der Bedeutung des Kürzels „AVE“ könnte für Verwirrung sorgen, da es in dieser Leseprobe nicht erklärt wird, sondern erst in der darauffolgenden Szene des ersten Kapitels. Deshalb nun die Auflösung:
„AVE“ steht für „Agenten Vereinigung Epsilon“, den nationalen Ableger einer länderübergreifenden nichtstaatlichen Organisation, die sich der Verbrechensbekämpfung (mit rechtsstaatlichen Mitteln) verschrieben hat.
Ich wollte nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen, da die Nachrichtendienste gerade in neuester Zeit durch Guantánamo etc. wieder einmal in Verruf gekommen sind und viele deshalb eine negative Meinung von ihnen haben – eine Einschätzung, der Ken, Felix und Co. übrigens zustimmen würden.