Worüber ich dennoch etwas schreiben möchte, sind die Reaktionen einiger Politiker, die nun reflexhaft eine ganze Reihe von Maßnahmen vorschlagen. Über einige davon möchte ich hier meine Meinung kurz darstellen:
Strengere Regelungen zum Waffenbesitz und -gebrauch
Darüber kann man natürlich immer reden. Ich bin auch fest davon überzeugt, dass es desto weniger Gewalt gibt, je weniger Waffen verfügbar sind.
Ein schärferes Waffenrecht trägt allerdings eher dazu bei, dass Jähzorn und spontane Wutausbrüche keine fatalen Konsequenzen haben; gegen lange geplante Taten ist es dagegen wirkungslos, fürchte ich. Verbrecher werden wohl immer einen Weg finden an Schusswaffen zu kommen, sei es auf dem Schwarzmarkt oder durch Diebstahl.
Einlasskontrollen und Metalldetektoren an Schulen
Um Gottes Willen! Die armen Schüler!
Schule ist ein Schutzraum. Man geht ja nicht mit dem Gedanken dorthin, dass es dort einen Amoklauf geben könnte. Was für fatale Auswirkungen es auf Schüler hätte - gerade auf jüngere - wenn Schulen plötzlich zu umzäunten Sicherheitstrakten würden, kann sich sicher jeder ausrechnen: Ängste, die sonst höchstwahrscheinlich gar nicht vorhanden wären, werden so erst geschürt.
Deshalb ist das der völlig falsche Weg.
Was diese beiden Punkte betrifft, bin ich sogar ausnahmsweise einer Meinung mit Wolfgang Schäuble - man lese und staune.
Verbot von Ego-Shootern und anderen "Gewaltspielen"
Einmal abgesehen vom Definitionsproblem - "Ist es schon ein Gewaltspiel, wenn man gegen irgendwelche Gegner mit Waffen kämpft, obwohl der Tod des Gegners nicht das Ziel des Spiels ist?" - gibt es hier zwei dicke Haken:
Erstens sind solche Spiele ohnehin für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren verboten. Wer sie sich wirklich illegal organisieren will, wird das aber bestimmt irgendwie schaffen.
Zweitens handelt es sich aus meiner Sicht um eine klassische Verwechslung von Ursache und Wirkung: Ein potenzieller Amokläufer begeht doch seine Tat nicht wegen irgendeinem blödsinnigen Computerspiel! Es ist, so glaube ich, eher der Fall, dass er sich mit dem Spiel beschäftigt, weil seine angestauten Aggressionen irgendwie aus ihm heraus müssen. Insofern würde man auch keinen einzigen Amoklauf verhindern, wenn man tatsächlich all diese Spiele restlos abschaffen könnte - was schlicht nicht umsetzbar ist.
(Zur Einordnung meiner Äußerung: Ich spiele keine Computerspiele. Das letzte, das ich gespielt habe, war ein Jump'n'Run aus den frühen Neunzigern, und da war ich 14 oder so.)
Mehr Schulpsychologen
Hm. Kommt auf die Kompetenz der Schulpsychologen an, würde ich sagen, insbesondere auf ihre Fähigkeit mit Kindern und Jugendlichen umzugehen und auf diese einzugehen. Kann aber letztlich nur in Kombination mit dem Punkt, den ich mir für den Schluss aufgehoben habe, etwas bringen.
Freunde, Mitschüler, Eltern, Lehrer, Kollegen, ..., die aufmerksam sind und Veränderungen an einem Menschen feststellen, ohne ihn deswegen gleich zu stigmatisieren und voreilig als potenziellen Amokläufer zu diskriminieren.
Menschen, die Auffälliges wie die Videos - die ja vor vielen school shootings im Internet aufgetaucht sind - oder gewalttätige Äußerungen in Chats wahrnehmen und ihnen nachgehen. Die hinschauen und Zivilcourage zeigen, ohne aber überzureagieren.
Eine Gratwanderung, aber das Einzige, das wirklich helfen kann. Die Polizei kann nicht überall sein, und keine Polizei eines freiheitlich organisierten Landes kann das ganze Internet ständig im Auge behalten - einmal davon abgesehen, dass es sich dazu ohnehin viel zu schnell verändert. Deshalb sind wir gefordert, jeder und jede Einzelne von uns.
Absolute Sicherheit kann und wird es aber nie geben. Darüber sollte sich niemand Illusionen machen.
Natürlich ist all das für Winnenden zu spät, aber vielleicht nicht anderswo.
Es wäre schön, wenn es nie mehr Amokläufe gäbe - vor allem nicht an Schulen, wenn Kinder betroffen sind -, aber das ist wohl leider ein frommer Wunsch.