Mittwoch, 15. April 2009

Biologie: Wann Menschen (und Tiere) Außenseiter ausstoßen

Im gestrigen Eintrag "Wichtigen Beitrag zur Diskussion um Amokläufe im Internet entdeckt" ist bereits angeklungen, dass im Grunde nichtige Dinge ausreichen, um aus einem Menschen einen gemobbten Außenseiter zu machen. Heute möchte ich kurz erklären, was die Biologie dazu sagt, und dann ein paar Schlussfolgerungen daraus ziehen.


Biologische Sicht

Im Biologieunterricht fällt dieses Thema unter "Soziales Verhalten bei Tier und Mensch", genauer gesagt in den Bereich des Aggressionsverhaltens (agonistischen Verhaltens). Unter Aggressionsverhalten versteht man per Definition "Formen des Angriffs oder der Verteidigung, die der Unterwerfung, Vertreibung oder Tötung des Gegners dienen". Man unterscheidet dabei zwischen innerartlicher Aggression (also z.B. innerhalb eines Wolfsrudels - die Fanthasianer lassen grüßen) und zwischenartlicher Aggression (z.B. zwischen dem Beutetier Reh und dem Raubfeind Fuchs).

Dass Mobbing eine Form der innerartlichen Aggression (zwischen Menschen) ist, dürfte einleuchten. Meist handelt es sich um "Aggression gegen den Gruppenaußenseiter". Artgenossen, die nicht dem 'normalen' Artbild entsprechen, werden dabei angegriffen und manchmal sogar getötet (!).
Und dafür reichen wirklich Kleinigkeiten aus: In einem Versuch, den man mir im Biologieunterricht filmisch gezeigt hat, wurden einem Hahn Farbtupfen auf den Kamm gemalt. Prompt wurde er von den anderen Hühnern attackiert!

Das Problem daran ist auch, dass aggressives Verhalten erlernt werden kann. Außerdem verstärkt es sich, wenn der Aggressive damit dauernd erfolgreich ist.


Schlussfolgerungen aus soziologischer Sicht

Und jetzt denkt bitte darüber nach, wie unsere Gesellschaft mit Minderheiten umgeht.

Das müssen ja gar nicht solche offensichtlichen Fälle wie Intersexualität, Homosexualität oder Inzest sein, die ich in meinem Beitrag "Mein gesellschaftspolitisches Interesse an 'Tabuthemen'" angesprochen habe - obwohl sie natürlich am eindeutigsten sind.
Weitere Beispiele, die recht schnell einleuchten, wären Menschen anderer Hautfarbe oder behinderte Menschen. Das ist ja manchmal noch nicht einmal böse Absicht. Aber unsere Gesellschaft weiß oft gar nicht, wie sie mit diesen Menschen umgehen soll - was meist damit endet, dass man sie entweder anstarrt (vor allem Kinder machen das) oder ignoriert (vor allem Erwachsene).

Aber lest noch einmal, was der Grund war, aus dem der Mann gequält wurde, der fast Amok gelaufen ist:
Er war am Unterricht interessiert, gut in der Schule und geistig etwas weiter als seine Klassenkameraden. Er war "ein sehr ruhiges Kind - relativ unauffällig, friedlich und freundlich". Er war "nicht besonders sportlich und körperlich schwächer" als der Durchschnitt seiner Altersgenossen.
Ist das ein Grund für Ausgrenzung? Ja, ist es offenbar.
Wer nie Ähnliches erlebt oder zumindest mitbekommen hat, kann das vielleicht nicht verstehen. Aber das reicht wirklich schon, um ausgegenzt zu werden.

Das führt einen unweigerlich zu der Frage: Ist die Ausstoßungsreaktion zwangsläufig? Kann man das nicht überwinden? Natürlich kann man das. Mag sein, dass Tiere es nicht können - aber genau das sollte uns als Menschen ausmachen.
Dass wir andere nicht verurteilen, weil sie aus unserer Sicht "irgendwie anders" sind. Dass wir sie nicht aus unserer Gemeinschaft ausschließen. Dass wir sie nicht angreifen, sei es mit Worten oder mit Taten. Dass wir sie nicht verachten. Und dass wir nicht über sie richten.
Man muss z.B. Inzest dafür ja noch nicht einmal gutheißen. Nur davor andere auszugrenzen, sie zu verachten, sie anzugreifen, über sie zu richten - davor sollten wir uns alle hüten.

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